Fahren mit neuem Bewusstsein – unsere MIA im “ländlichen” Alltagstest.

Seit einiger Zeit komme ich in den Genuss, ein Elektroleichtfahrzeug zu fahren. Eine Französin mit dem klingenden Namen MIA, die uns mit Unterstützung von Jukatan aus Öhringen durch Lautlos-durch-Deutschland zur Verfügung gestellt wurde. In der erste Woche mit dem Wagen, mitten im eiskalten Februar, war ich damit zu Besuch bei meinen Großeltern. Abends dort angekommen zeigte ich den Wagen meinem Großvater und bot ihm eine kleine Spritztour an. Mein Großvater bekam sofort einen aufgeregten Glanz in seinen Augen und nahm im Handumdrehen im Auto Platz. Er ist schon vieles gefahren, aber ein Elektroauto gehörte bisher nicht dazu. Während wir eine Runde um den Block drehten, erklärte ich ihm die Besonderheiten: Worauf man beim Fahren achten muss, was es mit dem Zurückholen der Bremsenergie auf sich hat, mögliche Reichweite, das Aufladen und was man dabei im Winter beachten muss. Als wir zurück kamen, stieg er etwas umständlich durch die Seitentür der MIA aus und sagte, schon deutlich skeptischer gestimmt: „Interessant. Die Technik ist aber noch nicht ganz ausgereift, oder?“

Nun, was soll ich sagen? Erstens, ist aller Anfang nur selten einfach. Und zweitens: An die MIA mit der klassischen Erwartung, wie an ein Fahrzeug der Verbrenner-Klasse heranzugehen, ist nicht ganz der richtige Ansatz. Denn das Spannende daran ist das Neue darin. Mit einem Elektroauto, besonders der leichten Variante, wie der MIA, holt man sich zunächst ein kleines Hobby ins Haus, das sehr bald einen Schub neues Bewusstsein auslöst, der wiederum dazu führt, dass man anfängt Zeit und Raum sowie Entfernungen in beidem anders wahrzunehmen.

Das beginnt bereits beim Tanken, Verzeihung, beim Laden des Autos. Unsere sehr nachhaltig gestaltete kulturökonomische Erziehung hat uns gelehrt, dass der Tankvorgang nach Möglichkeit schnell und, abhängig von der Marktlage, so günstig wie möglich zu erledigen ist. Man fährt an der Zapfsäule vor, füllt eine gewisse Anzahl von Litern Benzin in den Tank, bezahlt dafür meistens eine Summe, die nur bei den Wenigsten ein freudiges Lächeln auslöst, erkauft sich dafür aber auch die Gewissheit, sich eine Weile lang nicht mehr mit dieser Frage beschäftigen zu müssen. Natürlich nur sofern man nicht gerade eine längere Fahrt vor sich hat und nur die Alltagsstrecken zu bewältigen sind. Im Übrigen machen gerade diese  täglichen Strecken in einem Umkreis von etwa 60 Kilometern den Großteil unserer Bewegung mit dem Auto aus.

Bei der MIA ist es mit dem Laden sowohl einfacher als auch komplizierter im Vergleich zu konventionellen Fahrzeugen. Die deutlich geringeren Kosten für den Fahrstrom lasse ich dabei mal vollkommen außen vor. Einfacher ist es, weil man von oder zur Arbeit kommend, einen Ladekabel aus dem Kofferraum holt, damit den Wagen mit einer haushaltsüblichen Steckdose verbindet und sogleich seinen sonstigen Geschäften nachgehen kann. Komplizierter ist es, weil man dabei immer zwei Grundsätze im Hinterkopf haben muss: Der Ladevorgang dauert und es gilt stets, den teueren Lithium-Ionen-Akku zu schonen. In Kombination bedeutet das: Man muss nicht nur auf der Straße vorausschauend agieren, sondern sich gegebenenfalls auch schon vor und zwischen den Fahrten Gedanken darüber machen, was man noch so vor hat am Tag. Für die volle Reichweite von 80 bis 100 Kilometern nimmt das Laden ca. 5 Stunden Zeit in Anspruch. Dabei erhält sich die Lebensdauer des Akkus am besten, wenn er sich so wenig wie möglich in dem extrem niedrigen oder dem extrem hohen Spannungsbereich befindet. Sprich, so selten wie möglich ganz voll oder ganz leer ist.

Im Alltag kann das etwa Folgendes bedeuten: Hat man eine Strecke von etwa 35 Kilometern zur Arbeit zu fahren, wird man mit einer etwa halbvollen Ladung dort ankommen, zumal wenn man bergauf, bergab unterwegs ist und der Verbrauch unter anderem auch von der Beschaffenheit der Landschaft abhängt. Wenn man dann weiß, dass man erst wieder zum Feierabend fahren muss, lässt man den Wagen zunächst im mittleren Spannungsbereich stehen und startet den Ladevorgang erst ca. 2,5 Stunden vor Feierabend. Im Winter ist es wiederum etwas anderes. Ist der Akku länger der Kälte ausgesetzt, nimmt er keine Ladung auf. Will heißen, laden direkt im Anschluss an die Fahrt, solange die Batterie noch warm ist. Ja das alles bedeutet weniger Flexibilität, mehr Planung, vorausschauendes Denken und ein Bewusstsein für einflussnehmende  Faktoren und mögliche Eventualitäten. Die Frage ist nur, ob das wirklich so verkehrt ist?

Auch das Fahren der MIA bringt einige Besonderheiten mit sich.  Das erste Stichwort, das mir dazu einfällt ist „Entschleunigung“. Klar fährt man langsamer. Auch wenn der Wagen in der Spitze 110 km/h bringen kann, so müssen dafür schon einige Faktoren zusammen kommen, wie etwa abfallendes Gelände und Rückenwind. Ansonsten bewegt man sich mit durchschnittlich 80 km/h durch die Landschaft, auch weil es generell empfehlenswert ist im sparsamen Eco-Modus zu fahren. Im Hügeligen Hohenlohe auch mal deutlich langsamer, wenn es gerade mal wieder bergauf geht.

Wenn man dabei den ersten Reflex abgelegt hat, innerlich schlechtes Gewissen gegenüber der Mercedes-Limousine hinter einem zu empfinden, die über Kilometer hinweg keine Möglichkeit hat, einen zu überholen, beginnt man die Fahrt auf eine andere, ursprünglichere Art und Weise zu genießen. Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Eisenbahn so langsam die Kutsche als gängiges Transportmittel abgelöst hat, haben viele Erfahrungsberichte bezüglich der neuen Fortbewegungsart einhellig festgestellt, dass sich dabei die Wahrnehmung der Landschaft stark verändert. Während der Fahrt in der langsamen Kutsche hatte der Reisende die Gelegenheit, seinen Blick in die Weite schweifen zu lassen und selbst Objekte in weiter Ferne noch bewusst wahrzunehmen. Mit dem Aufkommen der Eisenbahn ging diese Möglichkeit gänzlich verloren. Je schneller die Züge wurden, desto weniger Tiefe hatte man in der Betrachtung der Landschaft während der Reise. Man denke nur an eine Fahrt mit dem ICE. Nur selten bekommt man die Gelegenheit sich mit dem Blick länger als einige Sekunden an einem Objekt festzuhalten. Die Welt rast schlicht an einem vorbei.

Mit dem Auto ist es ganz ähnlich. Die Möglichkeit in jedem Gelände schnell zu fahren, führt zu einer notwendigen ständigen Konzentration auf die Straße. Die Außenwelt verkürzt sich zu einem Tunnel, der aus der Fahrbahn und anderen Verkehrsteilnehmern besteht. Die MIA durchbricht diese Tunnelwahrnehmung ein Stück weit. Natürlich muss man sich nach wie vor auf den Verkehr konzentrieren. Aber ich muss gestehen, seit ich im Elektrofahrzeug unterwegs bin, habe ich deutlich mehr von der Hohenloher Landschaft wahrgenommen als vorher. Die Fahrt damit hat wieder mehr den Charakter einer Reise angenommen, als wie bisher eines schnellstmöglichen Transfers von A nach B. Sicher ist man ständig mehr oder minder in einem Sonntagstempo unterwegs und muss auch hier mehr Zeit für die Wege einrechnen. Aber sowohl das Ankommen als auch die Fahrt gestalten sich deutlich entspannter. Man legt die notorische Eile im Straßenverkehr ab und lernt es, sich in vorausschauender Geduld zu üben. Warum denn auch nicht? Auch wenn es der Zeitgeist uns glauben machen möchte, es gibt im Grunde nichts, was einem davon läuft. Und wenn doch, dann muss man eben etwas früher losfahren.

Zusammenfassend kann ich nur sagen, dass sich die Elektroleichtfahrzeuge, wie unsere MIA, nicht nur für die Stadt eignen, sondern auch auf dem Land gut zu gebrauchen sind. Man erreicht damit alle Ziele des täglichen Bedarfs. Sofern diese nicht all zu weit entfernt liegen und man sich die Mühe macht, etwas voraus zu planen.  Dass sich die Technik, vor allem im Bereich der Akkus, im Moment noch in den Anfängen befindet, ist kein Argument, das dagegen spricht. Im Gegenteil: Die kollektive Erfahrung der Menschheit hat bisher gezeigt, dass es kein Problem gibt, für das keine Lösung gefunden werden kann. Man muss es nur wollen. Klar waren die Anreize für technische Lösungen bisher zumeist finanzieller Natur und getrieben von einem dezidiert profitorientierten Denken. Das bedeutet jedoch nicht, dass dies die einzigen Anreize für menschliches Handeln sind und auch nicht, dass sie ewige Gültigkeit haben. Warum sich nicht mal von einem nachhaltigen Bewusstsein treiben lassen, als Hersteller und als Verbraucher. Gerade im Bereich der Mobilität kann man da einiges Bewegen.

Ich für meinen Teil mache jetzt mit der MIA eine Sonntagsausfahrt zur Bibersfelder Besenwirtschaft. Freue mich schon auf die deftige lokale Küche. Dass ich dabei keinerlei CO2 freisetze und Tankstellen nur noch gelegentlich aufsuche, um mir einen Coffee-to-go zu holen, macht die Sache nur noch angenehmer.